Lehrlinge finden ist schwer. Lehrlinge halten ist schwerer.

Lehrlinge finden ist schwer. Lehrlinge halten ist schwerer.

Wenn Betriebe über Lehrlinge reden, reden sie meistens über die Suche. Welche Messe, welcher Social-Media-Kanal, wie man junge Leute überhaupt noch dazu bringt, sich zu bewerben. Das ist berechtigt, denn in vielen Branchen und Regionen kommen deutlich weniger Bewerbungen als früher. Viel seltener wird darüber gesprochen, was nach der Unterschrift unter den Lehrvertrag passiert.

Dabei entscheidet sich genau dort, ob die Ausbildung gelingt. Ein Lehrling, der sich im ersten Jahr verloren fühlt, bricht ab oder bleibt nach der Lehrabschlussprüfung nicht im Betrieb. Und eine Ausbildnerin, die mit ihrem ersten Lehrling schlechte Erfahrungen macht, meldet sich kein zweites Mal.

Ich war mehrere Jahre für das Lehrlingsmanagement in einem großen österreichischen Infrastrukturunternehmen verantwortlich. Wir haben dort einiges ausprobiert. Manches hat sich bewährt, manches nicht. Hier sind die Dinge, die ich jedem Betrieb empfehlen würde, ob er drei Lehrlinge hat oder dreihundert.

Der Anfang: zwei Tage, die sich lohnen

Alle neuen Lehrlinge sind zu Beginn gemeinsam mit ihren Ausbildnerinnen und Ausbildnern für zwei Tage auf eine moderierte Klausur gefahren. Raus aus dem Arbeitsalltag, mit drei Zielen: einander kennenlernen, Erwartungen klären, eine Vertrauensbasis schaffen.

Das Wichtigste war die Erwartungsklärung. Ein Fünfzehnjähriger weiß selten genau, was ein Betrieb von ihm erwartet. Pünktlichkeit, klar. Aber was heißt das, wenn der Zug Verspätung hat? Darf ich in der Arbeit aufs Handy schauen? Wen frage ich, wenn ich etwas nicht verstehe, ohne dumm dazustehen? Umgekehrt haben Ausbildende Vorstellungen im Kopf, die sie nie aussprechen, weil sie ihnen selbstverständlich vorkommen.

Zwei Tage reichen, damit diese Dinge einmal auf den Tisch kommen. Und sie reichen, damit der Lehrling seine Ausbildnerin als Person erlebt und nicht nur als jemanden, der Aufgaben verteilt. Die Ausbildenden selbst hatten vorher noch einen halben Tag, um sich auf die neue Rolle einzustimmen. Wer zum ersten Mal ausbildet, hat Fragen, die er im eigenen Team ungern stellt.

Die Ausbildenden sind der Schlüssel

Wenn ich nur eine Sache hervorheben dürfte, wäre es diese: Die Qualität einer Lehre hängt weniger am Ausbildungsplan als an der Person, die ausbildet. Und diese Person macht das in den meisten Betrieben nebenbei. Sie ist Fachkraft mit vollem Arbeitspensum, und der Lehrling kommt dazu.

Wir haben deshalb in die Ausbildenden mindestens so viel investiert wie in die Lehrlinge. Es gab Weiterbildungen zu Fragen, die im Alltag auftauchen: wie man ein Probezeitgespräch führt; was rechtlich bei der Beschäftigung Jugendlicher zu beachten ist; woran man erkennt, dass ein Jugendlicher ein Problem mit Suchtmitteln haben könnte, und was man dann tut. Dazu Grundlagen in Pädagogik und Didaktik, denn wer sein Fach beherrscht, kann es deshalb noch nicht automatisch gut vermitteln.

Mindestens so wichtig war ein monatlicher Jour fixe, in dem sich die Ausbildenden austauschen konnten. Dort kamen Themen auf den Tisch, die in keinem Seminar vorkommen. Ein Lehrling, der ständig zu spät kommt. Einer, der zu Hause gerade Schwierigkeiten hat. Eine, die unterfordert ist und sich langweilt. Zu merken, dass andere vor ähnlichen Situationen stehen, entlastet. Und oft hatte jemand in der Runde schon etwas ausprobiert, das funktioniert hat. Einen solchen Jour fixe gab es übrigens auch für die Lehrlinge selbst.

Unterschätzt wird meist der Kontakt zur Berufsschule. Ausbildende, die regelmäßig mit den Lehrkräften sprechen, erfahren früh, wenn es in der Schule hakt. Dann kann man reagieren, bevor das Zeugnis zum Problem wird.

Benehmen kann man lernen

Ein Punkt, bei dem viele zuerst die Stirn runzeln: ein eigenes Training zu Auftreten und Umgangsformen im ersten Lehrjahr. Das klingt nach erhobenem Zeigefinger. In der Praxis hat es sich bewährt.

Der Grund ist einfach. Die Spielregeln eines Betriebs werden selten erklärt. Wie schreibt man eine E-Mail an die Bereichsleitung? Wann duzt man wen? Wie verhält man sich in einer Besprechung, in der lauter Ältere sitzen? Wer das zu Hause mitbekommen hat, hat einen Vorsprung. Wer nicht, eckt an, ohne zu wissen, warum. Als Soziologe würde ich sagen: Ein solches Training gleicht ungleich verteilte Startbedingungen ein Stück weit aus.

In dieselbe Richtung gingen andere Formate: eine Telefon- und eine Schreibwerkstatt, ein Workshop zum Umgang mit Social Media, Planspiele zu Betriebswirtschaft und Projektmanagement im zweiten und dritten Lehrjahr. Lehrlinge lernen dort Dinge, die in der Berufsschule zu kurz kommen und im Betrieb einfach vorausgesetzt werden.

Einmal im Jahr: alle zusammen

Jeden Sommer haben wir alle Lehrlinge des Unternehmens mit ihren Ausbildenden zusammengeholt. Der Ort wechselte jedes Jahr, und immer war eine Exkursion zu einem Standort des Unternehmens dabei. Für Lehrlinge, die an ihrem Standort oft die einzigen ihres Jahrgangs sind, war das wichtig. Sie haben gesehen, dass sie Teil einer größeren Gruppe sind. Und sie haben das Unternehmen von Seiten kennengelernt, die sie im eigenen Arbeitsalltag nie zu sehen bekommen hätten.

Früh anfangen: Girls’ Day

Schließlich haben wir regelmäßig beim Girls’ Day mitgemacht. In technischen Lehrberufen ist der Frauenanteil nach wie vor niedrig, und viele Mädchen ziehen solche Berufe gar nicht erst in Betracht, weil sie niemanden kennen, der sie ausübt. Ein Tag im Betrieb ändert daran nicht alles, aber die Mädchen hatten Spaß, durften Maschinen bedienen und konnten sich danach besser vorstellen, was sie erwarten würde.

Was davon in kleineren Betrieben geht

Nicht jeder Betrieb kann eine Klausur organisieren oder ein eigenes Seminarprogramm aufbauen. Das Prinzip dahinter lässt sich aber überall umsetzen. Nehmen Sie sich am Anfang bewusst Zeit, Erwartungen zu klären, auch wenn es nur ein halber Tag ist. Geben Sie den Ausbildenden Zeit für die Ausbildung und einen Ort für Austausch, notfalls gemeinsam mit Ausbildenden aus anderen Betrieben. Halten Sie Kontakt zur Berufsschule. Und erklären Sie die ungeschriebenen Regeln, statt sie vorauszusetzen.

Das kostet Zeit. Weniger allerdings als die Suche nach dem nächsten Lehrling, wenn der jetzige nach einem Jahr wieder geht.

Wenn Sie Ihre Lehrlingsausbildung weiterentwickeln wollen, finden Sie mehr dazu unter Personal- & Organisationsentwicklung.